Das Gesundheitswesen in den Schlagzeilen: Die Themen blieben über die Jahre beständig

Ein zu teures Gesundheitswesen, Nationalräte mit Interessensbindungen und die Krux mit dem Numerus clausus. Die Gesundheitsthemen, welche für Schlagzeilen in den Medien sorgen, waren vor einigen Jahren erstaunlich ähnlich mit den heute geführten Diskursen. Wir haben den 21. Februar als Referenzdatum genommen und im Archiv gestöbert, um festzustellen, wie anno dazumal an diesem Datum über das Gesundheitswesen berichtet wurde.

Vor 25 Jahren: Die Angst der Ärzte – Tages-Anzeiger

Zwei Jahre nachdem in der Schweiz das Krankenkassenobligatorium eingeführt wurde, lancierte die Swica ein damals einzigartiges Versicherungsmodell. Wer sich für die um zehn Prozent günstigere Variante «Nova Light» entschied, nahm Einschränkungen bei der Wahl des Arztes in Kauf. Nur wenn sich der Patient bei einem auf der Swica-Liste aufgeführten, kostengünstig arbeitenden Arzt, behandeln liess, übernahm die Kasse die Kosten. Die Ärzteschaft hingegen lief Sturm und wehrte sich gegen ein Modell, welches die freie Arztwahl einschränkt. Eine Klassierung in günstige und weniger günstige Ärzte sei geradezu unethisch, liess sich Hans Schiller, damals Präsident der Zürcher Neurologen im Tages-Anzeiger vom 21.02.1998 zitieren.

Ende 1998 entschied der Bundesrat, dass das Modell «Nova Light» zulässig ist. 25 Jahre später lassen sich heutzutage drei Viertel aller Versicherten für günstigere Prämien freiwillig in der Arztwahl einschränken und entscheiden sich für Telemedizin- oder Hausarztmodelle. Die Swica nahm mit «Nova Light» also eine Vorreiterrolle ein, obwohl mittlerweile in diesem Kontext nicht mehr zwischen teuren und günstigen Ärzten unterschieden wird.

Vor 25 Jahren: Numerus clausus in der Medizin rückt näher – Neue Zürcher Zeitung

1937 Personen schreiben sich in der Schweiz für ein Medizinstudium mit Start im Herbst 1998 ein. Bereits am 21.02.1998 ging die Schweizerische Hochschulkonferenz davon aus, dass 134 Studienplätze fehlen werden. Sie empfahl vier Universitätskantonen die Zulassung mit einem Numerus clausus zu beschränken. Ein sechsjähriges Medizinstudium kostete damals mindestens 600’000 Franken pro Person. Zu viel für ein Gesundheitswesen, welches sich bereits vor 25 Jahren in einen Finanzkrise hineinmanövriert hatte.

Der Numerus Clausus kam und war auf den Tag genau 20 Jahre später wieder Thema in den Medien (siehe weiter unten)

Vor 20 Jahren: Der grosse Filz im Gesundheitswesen – Blick

«Unser Gesundheitswesen ist reformunfähig – weil in Bern der Filz regiert», kritisierte der inzwischen verstorbene Unternehmer und damalige FDP-Nationalrat Otto Ineichen. Der Blick listete daraufhin am 21.02.2003 auf, welche Parlamentarier ein Mandat bei einer Organisation im Gesundheitswesen innehaben und erläuterte wie diese angeblich, «jede ernst zu nehmende Massnahme gegen die Kosten- und Prämienexplosion zu Fall bringen». Die Zeitung nahm damit unter anderem auf eine Abstimmung im Dezember 2002 Bezug, als der Nationalrat einen Eingriff des Bundes in die kantonalen Spitalplanungen knapp ablehnte.

Auch 20 Jahre später sind Interessensbindungen von Parlamentariern ein Thema in den Medien. Im Herbst 2022 prangerte die Organisation Lobbywatch die damalige Aargauer Nationalrätin Ruth Humbel (Die Mitte) an, diese habe mit ihren Mandaten innerhalb des Gesundheitswesens nicht nur grossen Einfluss, sondern sie lasse sich dafür auch fürstlich entlöhnen. Weil die Daten von Lobbywatch jedoch fehlerhaft waren, sah sich die Organisation anschliessend zu einer Entschuldigung gezwungen.  

Vor 15 Jahren: Depression: Oft Falschdiagnose – Neue Luzerner Zeitung

Wer im Alter depressiv ist, wird oft für dement erklärt. Dies beanstandeten Luzerner Fachleute am 21.02.2008 in der Neuen Luzerner Zeitung. «Depression zeigt sich durch Verlangsamung, Interesselosigkeit, eine verminderte Konzentration und oftmals Gedächtnisstörungen. Bei älteren Menschen wird das sehr schnell mit einer Demenz verwechselt», wurde Julius Kurmann, damals Chefarzt stationäre Dienste der Luzerner Psychiatrie zitiert.

Vermutlich wurde die Depression damals auch noch mehr tabuisiert als heute. Ein Indiz dafür dürfte sein, dass der Begriff «Depression» in den Schweizer Medien im gesamten Jahr 2022 viermal häufiger erwähnt wurde als noch 2008.

Vor 10 Jahren: Gender in Medizin und Pflege – die stille Revolution – Liechtensteiner Vaterland

«Gesundheit und Krankheit haben ein Geschlecht. Frauen reagieren anders auf Medikamente als Männer und bei bestimmten Krankheiten weisen sie keine männertypischen Symptome auf.» So beginnt ein eher unscheinbarer Artikel als Hinweis auf ein Seminar in der Ausgabe des 21.02.2013 im «Liechtensteiner Vaterland» . «Geschlechtsspezifische Medizin – nur ein Modewort oder doch eine Notwendigkeit?» heisst die Veranstaltung.

Wer sie besucht hat, war defintiv zukunftsorientiert unterwegs. Der Begriff Gendermedizin war damals noch nicht in aller Munde und in den Medien kaum präsent. Heute würde sich ein grosser Teil der Mediziner wohl auf die «Notwendigkeit» verständigen. 

Vor 5 Jahren: «Arzt wird nur, wer gut für eine Prüfung lernt» – 20min.ch

6407 Personen wollten im Jahr 2018 ein Medizinstudium starten, also dreimal mehr als noch 20 Jahre zuvor. Dies während die Kapazität in der Zwischenzeit nur um wenige hundert Studienplätze anstieg. Um die Chancen auf ein Medizin-Studium zu maximieren, bewarben sich viele Studenten auch im Ausland. Ein beliebtes Ziel war dabei Osteuropa. Die Universität Iuliu Hatieganu in der rumänischen Stadt Cluj-Napoca verzeichnete einen starken Anstieg der Zahl der Studenten aus der Schweiz. Wie SP-Nationalrat Angelo Barrile am 21. 02.2018 gegenüber 20min.ch sagte, sei ein Medizinstudium im Ausland eine «legale Art, etwas auszubaden, das die Schweiz den Medizinstudenten eingebrockt hat». Die Begrenzung der Studienplätze in der Schweiz müsse man überdenken.

Stand heute ist der Numerus clausus noch immer fest verankert, die Stimmen, welche seine Abschaffung fordern, sind angesichts des vorherrschenden Ärztemangels aber nicht verstummt.

Auffallend ist: die Themen, welche einst die Schlagzeilen dominierten, tun dies im Kern auch heute noch. Lediglich einzelne Details und Betrachtungsweisen haben sich im Vergleich zu früher verändert. So kamen zwar auch immer wieder neue Diskurse auf das Tapet. Doch die grossen Themen wie die hohen Gesundheitskosten und der Ärztemangel hielten sich konstant. Die politischen Mühlen, welche die grossen Reformen fabrizieren sollen, scheinen langsam zu mahlen.

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